Tage
Stunden
Minuten
Sekunden

Online-Kurs Dein Leben in Worten – Jetzt bis 31.8. Sommersaktion nutzen & 100€ sparen!

Kompass in Hand für Journaling-Fragen

Journaling-Fragen, die weiterbringen: Wie du schreibend auf neue Gedanken kommst und Klarheit gewinnst

Übersicht

Lust, tiefer einzutauchen? In meiner Journal-Writing-Ausbildung „Dein Leben in Worten” lernst du über 50 Tagebuch-Techniken für deine innere Klarheit!

Was wir hier versuchen wollen, wird dir ein wenig Mut abverlangen. Und, gerade deshalb, vielleicht jede Menge Mut verleihen. Wir wollen versuchen, schreibend auf neue Gedanken zu kommen. Der Schlüssel dazu sind gute Journaling-Fragen, also Fragen, die dein Denken öffnen statt es im Kreis zu schicken.

Neues zu denken bedeutet, neu hinzuschauen auf etwas, das wir schon zu wissen glauben. Noch einmal hinzuschauen, diesmal aus einer anderen, ungewohnten Perspektive, von der aus nichts mehr ganz sicher und klar ist, sondern aufregend, neu – und ungewiss. Ein neuer Blickwinkel, eine ungewohnte Fragestellung fordert uns auf, ein wenig zu tasten, als stünden wir im Dunkeln. Wir müssen Gedanken ausprobieren, die uns nicht besonders geläufig sind, und werden dabei vermutlich auch in die Irre gehen. Neues zu denken heißt deshalb auch, sich mit dem Irrtum anzufreunden. Ihn willkommen zu heißen als einen Freund, der Sackgassen anzeigt und uns Hinweise auf tragfähigere Denkwege gibt.

Kann man sich schreibend wirklich neue Gedanken machen?

Kann eine neue Perspektive, eine ungewohnte Fragestellung tatsächlich neue Gedanken erzeugen? Zumindest rückt sie Gedanken und Ideen in den Vordergrund, die sich von den gewohnten, naheliegenden unterscheiden. Sie fördert Erinnerungen und Beispiele zutage, die uns im täglichen Gedankentrott nicht zugänglich sind. Im besten Fall führt eine erfrischte Perspektive dazu, dass wir einzelne Fakten oder Überzeugungen plötzlich auf neue Weise miteinander verbinden.

Das ist gar nicht so selbstverständlich. Fixe Annahmen und unreflektierte Welterklärungen drängeln sich in unserem Denken wie Sommertouristen vor der Eisdiele am Hauptplatz.

„Das ist so, weil …“

„Wenn das geschieht, muss man …“

„Jeder sollte verstehen, dass …“

Die meisten dieser festen Überzeugungen sind uns nicht einmal bewusst. Trotzdem prägen sie unsere Entscheidungen und Vorlieben, unser Menschen- und Weltbild und schließlich auch unser Handeln im Alltag.

Viele dieser Gedanken haben wir schon von unseren Eltern und anderen Bezugspersonen übernommen. Andere haben wir selbst in unseren Überzeugungsrucksack gestopft, weil wir ein paar Dinge erlebt haben, die unsere Sicht bestätigten – und seither all das leichter übersehen, was nicht zu unserer Überzeugung passt. Sich schreibend neue Gedanken zu machen heißt deshalb auch, ein bisschen gefährliches Wissen anzuzapfen: Wissen, das unserem Selbstverständnis und unserer Sicherheit gefährlich werden könnte. Wir öffnen die Flasche, in der ein gruseliger Flaschengeist wohnt, der unsere festen, bequemen Überzeugungen ins Wanken bringt.

Anders als andere Geister erscheint dieser Geist nicht in der Nacht, sondern am hellen Tag. Er zeigt sich denen, die wach und bereit sind, genauer hinzuschauen und sich selbst infrage zu stellen. Sein ewiger Spruch lautet:

Nichts ist klar. Alles ist doch auch ganz anders.

Sich dieser Erkenntnis und damit einer möglichen Verwandlung zu stellen, ist anstrengend. Es kostet Kraft, manchmal bis hin zur Erschöpfung. Aber es ist auch lohnend, ergiebig, erfrischend und belebend.

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, sagte Karl Valentin. Ich meine: Die Arbeit, die wir uns beim Schreiben machen, macht nicht nur die Kunst, nicht nur unsere Texte, sondern manchmal sogar unser Leben schöner. Warum sonst gäbe es all die Bücher, denen Menschen ganze Jahre ihres Lebens gewidmet haben, ohne zu wissen, ob sie jemals von jemandem gelesen werden? Warum machen sich Menschen die Mühe, Artikel, Essays, Sachbücher und Geschichten zu schreiben, obwohl es doch längst so viel zu lesen gibt?

Ich glaube, ein verlässlicher und tragfähiger Grund liegt darin, dass sich während des Schreibens immer wieder ein kleines Wunder ereignet. Wir erleben, dass sich die Mühe, der innere Aufwand, lohnt. Dass das, was wir uns schreibend abverlangen, Kraft spenden kann – auch abseits des Schreibens. Vielleicht macht es uns großherziger, neugieriger, milder, verständiger. Und geduldiger, auch mit uns selbst.

Was gute Journaling-Fragen ausmacht

Was genau müssen wir investieren, damit beim Schreiben solche Wunderfunken des Neuen, Größeren, Weiseren und Weiteren entstehen können? Die Aufgabe ist schwierig und einfach zugleich: Wir müssen lernen, uns selbst gute Fragen zu stellen – und sie wirklich ernst zu nehmen. Das bedeutet auch, redlich zu antworten und nicht zu schnell voranzuhasten. Langsam zu denken, langsam zu schreiben, zwischendurch Pausen einzulegen, vielleicht sogar nach jedem Satz.

Aber was ist eigentlich eine gute, kraftvolle Frage? Und was unterscheidet sie von einer Sackgassen-Frage?

Vielleicht hilft es, zunächst jene Fragen anzuschauen, die uns beim Denken eher nicht weiterbringen. Ich nenne sie manchmal die Blutsauger mit Fragezeichen-Schwanz. Sie haben nichts anderes im Sinn, als uns zu verwirren und zu verunsichern, unser Denken einzulullen oder uns mundtot zu machen. Sinnlose Fragen sind Schreib-Gesprächs-Killer. Sie unterbinden den guten inneren Dialog.

Welche Fragen dein Denken in die Sackgasse führen

Kommt dir etwas davon bekannt vor? Da sind zunächst Fragen, die man nur mit Ja oder Nein beantworten kann: „Soll ich heute ins Kino gehen?“ oder, schon etwas gewichtiger: „Soll ich meinen Job kündigen?“ Es gibt rhetorische Fragen, die eigentlich gar keine Fragen sind, weil sie nur eine einzige Antwort dulden: „Ist es nicht schrecklich, wie Lilli mich behandelt?“

Dann haben wir die Orakel-Fragen, deren Antworten in der Zukunft liegen und die wir deshalb unmöglich kennen können: „Wird es sich lohnen, nach Kreta zu fahren?“ – „Wird es dort so heiß werden, dass es eine Plage wird?“ – „Wann wird Sascha endlich begreifen, dass er sein Zimmer aufräumen soll?“

Eine weitere beliebte Kategorie sind Fragen, die andere Menschen betreffen statt uns selbst: „War Petra heute wütend auf mich?“ – „Was Max wohl über mich denkt?“ Auch die großen Warum-Fragen können uns festnageln: „Warum habe ich immer Pech?“ – „Warum habe ich ständig solchen Heißhunger auf Schokolade?“ – „Warum musste Theo sterben?“

Und schließlich gibt es jene Fragenketten, bei denen eine Frage die nächste jagt und keine auch nur eine Minute Zeit bekommt, beantwortet zu werden: „Was soll aus mir werden? Wer bin ich überhaupt wirklich? Habe ich das jemals gewusst? Kann man das überhaupt wissen? Und was, wenn ich bemerke, dass ich ganz anders bin, als ich dachte?“

Solche Fragen können durchaus wichtige Themen berühren. Das Problem liegt nicht unbedingt im Thema. Es liegt in der Form der Frage und darin, was diese Form mit unserem Denken macht.

Werde zum Fragen-Detektiv

Wenn du Tagebuch schreibst, alte E-Mails, Briefe oder andere persönliche Texte aufgehoben hast, kannst du darin einmal nach deinen eigenen Fragen fahnden. Welche Fragen stellst du dir immer wieder? Entdeckst du Fragen aus den eben genannten Kategorien? Und vor allem: Was geschieht nach einer solchen Frage mit deinem Schreiben? Bringt sie dich weiter? Entsteht etwas Neues? Oder folgt darauf nur die nächste Frage, die nächste Klage, die nächste Runde auf einem längst bekannten Gedankenkarussell? Was zeichnet im Gegensatz dazu eine gute Frage aus? Und wie lernen wir, uns selbst solche Fragen zu stellen?

Es ist gar nicht besonders schwierig. Es fordert nur ein gewisses Maß an Kompromisslosigkeit. Gib dich nicht mit der erstbesten Frage zufrieden, die dir in den Kopf schießt. Werde zum Fragen-Gourmet, der kostet und nachwürzt und Unbrauchbares in den Biomüll wirft.

Eine gute Frage muss sich keineswegs in einem komplizierten Satz verstecken. Du kannst sie zum Beispiel an ein paar spielerischen Kriterien prüfen: Würde diese Frage eine interessante Diskussion anregen? Könnte sie auf dem Titelblatt eines klugen Magazins stehen? Würdest du einer Therapeutin vertrauen, die dir diese Frage stellt? Macht die Frage dich wach? Bekommst du Lust, Papier und Stift zur Hand zu nehmen? Wenn ja, hast du vermutlich eine brauchbare Frage erwischt.

Ein kleines Frage-Labor im Zug

Stell dir vor, du sitzt im Zug und hast dich mit deiner Sitznachbarin angefreundet. Ihr plaudert seit einer halben Stunde miteinander, seid gut gelaunt und habt schon eine Menge gemeinsamer Interessen entdeckt. Während ihr beide gerade eure mitgebrachten Brote kaut, sagt deine Gesprächspartnerin plötzlich: „Männer und Frauen sind doch wirklich sehr verschieden.“ Sie kaut weiter und macht eine bedeutungsschwere Pause.

Was möchtest du jetzt von ihr wissen? Du könntest zuerst absichtlich ein paar wenig inspirierende Fragen sammeln: eine Entweder-oder-Frage, eine rhetorische Frage, eine Orakel-Frage, eine Frage über jemand anderen, eine große Warum-Frage oder gleich eine ganze Fragekette.

Und dann probier etwas anderes. Überlege dir zunächst gar keine Fragen, sondern schreib auf, was du wirklich von deiner Sitznachbarin wissen möchtest. Vielleicht interessiert dich, ob sie sich gerade getrennt hat. Vielleicht möchtest du wissen, was Frausein für sie bedeutet oder welche Erfahrungen sie überhaupt zu ihrer Aussage gebracht haben. Erst dann verwandelst du deine echte Neugier in Fragen.

Dabei können dir ein paar einfache Fragewörter helfen: Wer? Wann? Wo? Wie? Was? Wozu? Wie kommt es, dass …? Vielleicht würdet ihr auf diese Weise tatsächlich bis zur Endstation weiterreden. Und genau so kannst du auch beim Schreiben mit dir selbst umgehen.

Stell dir vor, du wärst deine eigene Zugbekanntschaft. Kaue deine Gedanken genüsslich, als würdest du dein mitgebrachtes Brot kauen. Schau dir Sätze an, die du einfach so dahingeschrieben hast, und frag dich: Welches Thema verbirgt sich hinter diesem scheinbar harmlosen Satz? Was würde ich von einem anderen Menschen wissen wollen, wenn er mir diesen Satz erzählte? Welche Frage könnte daraus entstehen?

Nimm dir dabei nicht zu viel vor. Du musst ein Thema nicht vollständig abdecken und sämtliche interessanten Fragen beantworten, die dir dazu einfallen. Für eine Schreibzeit reicht eine einzige gute Frage, die du genau und gewissenhaft unter die Denk-Lupe nimmst.

Eine Vorratskammer guter Journaling-Fragen anlegen

Du kannst dir auch einen kleinen Vorrat an Fragen anlegen, die dich verlässlich zum Schreiben verlocken.

Zum Beispiel:

  • Welcher Mensch liegt dir gerade besonders am Herzen, und warum macht er dein Leben reicher?
  • Welches Lebensprinzip, welche Gesetzmäßigkeit deines Lebens hat sich heute besonders deutlich gezeigt?
  • Welcher Entwicklungsschritt ist schon zum Greifen nahe, vielleicht sogar bereits in Sichtweite?

Erfinde sieben weitere Fragen, die dich persönlich neugierig machen. Schreib deine zehn Fragen auf Kärtchen und gib sie in ein Etui, eine kleine Schachtel oder eine alte Geldbörse. Wenn du schreiben möchtest, ziehst du eine davon und schreibst zehn Minuten darüber: einmal in der Woche, einmal im Monat oder, wenn du magst, jeden Tag.

Ein Schreib-Kompass für gehaltvollere Gedanken

„Schreib doch darüber.” – Manchmal muss man uns das nicht zweimal sagen. Wenn ein Thema brennt oder eine Frage uns wirklich interessiert, schreiben wir los, sobald wir nur die Erlaubnis bekommen, uns dafür Zeit zu nehmen. Es kann aber auch sein, dass du zögerst. Vielleicht hast du schon ein paar Absätze geschrieben und fragst dich, wohin der Text eigentlich will. Vielleicht dreht sich dein Denken im Kreis. Vielleicht spürst du, dass in deinem Thema mehr steckt, weißt aber nicht, wie du an dieses „Mehr“ herankommst.

Für solche Momente möchte ich dir einen Schreib-Kompass vorstellen. Er kann dir mitten im Schreiben, zwischen zwei Absätzen oder sogar zwischen zwei Sätzen neue Denk- und Schreibrichtungen zeigen.

Kompass in Hand für Journaling-Fragen

Mein Kompass hat vier Himmelsrichtungen:

  1. Gewissenhaftigkeit: Erkläre dich. Gib Beispiele. Zeig es, mach es fühlbar.
  1. Kontrast: Überprüfe und schärfe deine Aussagen.
  1. Wahrhaftigkeit: Wage es, deine wirklichen Gedanken auszusprechen.
  1. Wendigkeit: Wie könntest du es noch ganz anders sagen?

Schauen wir uns diese vier Richtungen genauer an.

Erste Himmelsrichtung: Gewissenhaftigkeit

Erkläre dich. Gib Beispiele. Zeig es, mach es fühlbar. Gewissenhaftigkeit bedeutet beim Schreiben zunächst einmal: ausführlich genug zu werden. Offene Fragen zu klären, Hintergründe zu beleuchten und Beispiele zu finden, die deutlich machen, was wir eigentlich meinen. Wenn wir nur für uns selbst schreiben, machen wir häufig vage Andeutungen. Wir wissen ja, was gemeint ist.

Das hat zwei Nachteile. Erstens wissen wir ein paar Wochen oder Monate später oft selbst nicht mehr so genau, was wir eigentlich gemeint haben. Zweitens tun wir unserem Denken keinen Gefallen, wenn wir beim Schreiben ständig Zeit sparen und möglichst schnell inhaltlich vorankommen wollen. Unser Denken gleicht sich dieser Art zu schreiben allzu leicht an. Es saust dahin, immer weiter im Text, und verzichtet darauf, bei einer Sache zu bleiben.

Wenn wir uns dagegen zur Genauigkeit ermahnen, Hintergründe beleuchten und scheinbar Selbstverständliches trotzdem niederschreiben, erziehen wir auch unser Denken zum Verweilen: zu gut geerdeten Gedankenschritten statt zum schnellen Gedankenflug. Falls es dir seltsam vorkommt, etwas aufzuschreiben, das dir ohnehin klar ist, kannst du einen kleinen Trick anwenden: Schreib deine Erklärung in Klammern. Stell dir vor, du wärst eine Schauspielerin oder ein Schauspieler, der kurz an den vorderen Bühnenrand tritt und sich direkt ans Publikum wendet.

Und halte dich offen für die Möglichkeit, dass der Text in der Klammer länger wird, als du zunächst dachtest. Du kannst dich mitten im Schreiben auch selbst befragen: „Was sollte ich hier ergänzen?“ – „Wie komme ich eigentlich zu dieser Aussage?“ – „Was meine ich damit genau?“ Das sind übrigens Lieblingsfragen von Lektorinnen und Lektoren. Ihnen zu folgen kann eine unangenehme, aber höchst wertvolle Nebenwirkung haben: Bei näherer Erklärung bemerken wir manchmal, dass etwas, das wir schnell dahingeschrieben haben, den Wahrheits- oder Logiktest gar nicht besteht. Dann dürfen wir revidieren und differenzieren – und unsere eigenen Überzeugungen mit Liebe und Humor einer Korrektur unterziehen.

Such nach Beispielen: Gewissenhaftigkeit bittet uns auch um Beispiele. Nicht nur um eines, sondern vielleicht um zwei oder drei. Die Frage nach Beispielen regt unsere Erinnerung an, aber auch unsere Fantasie. Sie macht die Welt unseres Denkens dreidimensional, weil sie uns einlädt, gedanklich herumzuspazieren, statt an einem einzigen inneren Bild kleben zu bleiben.

Das gilt auch für Gefühle. Wenn wir Gefühle nicht nur benennen, sondern alles aufschreiben, was wir rund um ein Gefühl sinnlich erleben, können wir im buchstäblichen Sinn mit-fühlend mit uns selbst sein. Statt nur zu schreiben: „Ich ärgere mich so“, kannst du die Szene betreten. Wo bist du? Was hörst du? Was macht dein Körper? Was wurde gesagt? Wie klingt die Stimme des anderen? Was tust du mit deinen Händen?

Wenn du diesen Text später noch einmal liest, steht dir das Erlebnis wieder vor Augen. Du hörst, siehst und fühlst mehr. Und vielleicht ist zu diesem späteren Zeitpunkt Platz für neue Emotionen und Sichtweisen, die kaum entstehen könnten, wenn dort nur der Satz stünde: „Ich ärgere mich so.“

Zweite Himmelsrichtung: Kontrast

Überprüfe und schärfe deine Aussagen. In dieser Richtung geht es um Widerspruch, um andere Meinungen und um das, was in uns selbst Zweifel anmeldet. Hier sind wir aufgefordert, unsere Behauptungen nicht nur mit Beispielen zu untermauern, sondern sie mit anderen Ideen in Dialog zu setzen.

Warum sehe ich etwas so und nicht anders? Welche Gegenargumente habe ich tatsächlich schon durchdacht? Was übersehen Menschen, die mir widersprechen? Und – die vielleicht unbequemste Frage – was übersehe ich selbst? Man könnte sich diese Stimme als strenge Richterin oder Staatsanwältin vorstellen, die uns aufs Glatteis führen will. Ich denke lieber an Pumuckl. An einen rothaarigen, lustigen „Ja, aber …“-Geist, der auf unserer Schulter sitzt, verkrustete Überzeugungen hinterfragt und immer noch ein Argument findet, wenn andere schon das Handtuch werfen.

Probier es mit einer Überzeugung aus, die dir wichtig ist. Schreib zunächst deine eigene Position auf. Sammle danach Argumente, die jemand dagegen vorbringen könnte. Such dir anschließend eines dieser Gegenargumente aus und antworte darauf. Nicht, um den anderen möglichst geschickt zu besiegen, sondern um herauszufinden, wie tragfähig deine eigene Position wirklich ist.

Vielleicht musst du etwas erklären. Vielleicht einen Denkfehler aufdecken. Vielleicht stellst du fest, dass dein Gegenüber in einem Punkt recht hat. Vielleicht findest du einen Kompromiss. Vielleicht merkst du sogar, dass du deine ursprüngliche Meinung verändern möchtest. Dann hat dein Schreiben etwas sehr Kostbares getan: Es hat dich nicht nur deine Meinung ausdrücken lassen, sondern dein Denken in Bewegung gebracht.

Dritte Himmelsrichtung: Wahrhaftigkeit

Wage es, deine wahren Gedanken auszusprechen. Sag, warum du das schreibst. Wer sich in diese dritte Schreib-Himmelsrichtung bewegt, landet schnell an einem tiefen, ruhigen See. An seinem Ufer darfst du dir Zeit nehmen. Du kannst auf den Grund schauen und nach inhaltlicher Tiefe suchen. Der See befragt dich mit großen, unbestechlichen Augen und möchte wissen, was dir wirklich am Herzen liegt. Er mag offene Fragen, auf die du keine schnelle Antwort findest. Er erlaubt dir, Vermutungen anzustellen, Thesen zu entwickeln und ihnen zu folgen, obwohl du noch nicht weißt, wohin sie dich führen werden.

Eine schöne Übung dafür ist ein Brief, den du vielleicht niemals abschicken wirst. Stell dir vor, du könntest einen Brief schreiben, der garantiert gelesen und ernst genommen wird. An wen müsste er gehen? An Gott? An die Menschheit? An einen bestimmten Menschen? An ein Unternehmen? An deine Nachbarin? An dich selbst vor zwanzig Jahren? Schreib diesem Empfänger deine wirklichen Gedanken, Sorgen, Fragen und Anliegen. Wenn wir beim Schreiben an das Eigentliche unserer Gedanken rühren, lohnt es sich außerdem, gelegentlich innezuhalten und uns zu fragen:

Warum schreibe ich das alles eigentlich? Was verspreche ich mir davon? Was will ich damit? Manchmal wissen wir die Antwort von Anfang an. Dann können wir unsere Absicht gleich zu Beginn benennen: „Ich will mir endlich einmal meine Meinung zu diesem Streit erklären. Ich möchte verstehen, warum ich mich nicht einmischen werde.“

An anderen Tagen schreiben wir einfach drauflos und wissen zunächst selbst nicht, warum. Wenn wir irgendwann innehalten und nach unserem Beweggrund fragen, gewinnen wir Klarheit über unsere Wünsche und Ziele. Wir verstehen besser, woher der Impuls zu schreiben kam, und können beim Weiterschreiben darauf achten, dass das, was wir eigentlich erreichen möchten, auch wirklich eine Chance bekommt.

Wünsche, die uns beim Schreiben antreiben, sind keine Störenfriede. Sie sind Freunde und Verbündete. Es lohnt sich, sie persönlich kennenzulernen und zu fragen: Was brauchst du von mir? Unsere Anliegen weisen uns oft den Weg. Sie helfen uns, unnötige Denkschleifen zu verlassen, und führen uns manchmal sogar zu genau der Form und dem Stil, die ein Text braucht.

Vierte Himmelsrichtung: Wendigkeit

Wie könntest du es noch ganz anders sagen? Metaphern, Parabeln, Geschichten aus dem Leben, Märchen, Gedichte, Sprichwörter, Kindermund: Wo unser Denken allzu trocken oder verbissen zu werden droht, winkt diese vierte Himmelsrichtung mit einer Geste der Erlösung. Sie erinnert uns daran, dass poetische oder humorvolle Sprache manches leichter und schneller verständlich machen kann als das Aufzählen von Argumenten.

Geschichten und Bilder eignen sich wunderbar, um einen Text zu beginnen. Schon die Frage, ob ein märchenhafter, humorvoller, poetischer oder bildhafter Einstieg zu einem Thema passen könnte, durchlüftet unsere Gehirnwindungen mit einer frischen Brise. Und wenn wir eine Idee gefunden haben, kann plötzlich ein kleines Feuerwerk beginnen, das uns weiterschreiben lässt und den Text mit neuer Energie auflädt.

Auch mitten im Text können Bilder, Vergleiche und Alltagsgeschichten für Erfrischung sorgen. Sie sollten nur nicht so groß werden, dass sie plötzlich wichtiger sind als das eigentliche Thema. Falls das passiert, ist das allerdings auch kein Unglück. Vielleicht möchte dein Bild oder dein Märchen einfach einen eigenen Text bekommen, in dem es die Hauptrolle spielen darf.

Krame einmal in deinem Nähkästchen. Wenn du gerade an einem Thema arbeitest, kannst du dich fragen: Habe ich einmal ein Gespräch mit einem Kind oder Enkelkind geführt, das dazu passt? Könnte ich das, was ich sagen möchte, in ein Bild, einen Vergleich oder eine Metapher kleiden? Gibt es ein Gedicht oder Sprichwort, das zu meinem Gedanken passt – oder eines, dem ich leidenschaftlich widersprechen möchte?

Du könntest sogar eine Parabel erfinden. Welche zwei Tiere müssten einander begegnen, damit sie über dein Thema streiten können? Oder du holst Dornröschen ins 21. Jahrhundert. Stell dir vor, Dornröschen wäre ausgerechnet mit deinem Problem konfrontiert, während sie zu jener Tür schleicht, hinter der die dreizehnte Fee wohnt. Natürlich darf Dornröschen inzwischen Taxi fahren. Beschreib ihren Weg, was sie sieht, riecht und hört, worüber sie stolpert, bis sie schließlich vor der Tür der Fee steht und anklopft.

Und dann versuch, von dort wieder zu deinem ganz realistischen Nachdenktext zurückzufinden. Vielleicht erscheint dir diese Übung zunächst absurd. Genau darin liegt ihr Sinn. Sie zwingt dein Denken, eine vertraute Straße zu verlassen und einen Seitenweg zu nehmen. Und auf Seitenwegen sieht man manchmal Dinge, die von der Hauptstraße aus unsichtbar bleiben.

Der Schreib-Kompass auf einen Blick

Wenn du das nächste Mal beim Schreiben das Gefühl hast, dass dein Text an der Oberfläche bleibt oder dein Denken sich im Kreis dreht, musst du also nicht unbedingt auf die große Inspiration warten. Du kannst deinen inneren Kompass hervorholen und ausprobieren, welche Richtung gerade etwas Neues in Bewegung bringt.

Gewissenhaftigkeit fragt: Was meine ich genau? Was muss ich erklären? Welche Beispiele gibt es? Wie kann ich das Gemeinte konkret und sinnlich erfahrbar machen?

Kontrast fragt: Was spricht dagegen? Wer könnte widersprechen? Was habe ich möglicherweise übersehen? Wie verändert sich mein Gedanke, wenn ich ihn einer anderen Sichtweise aussetze?

Wahrhaftigkeit fragt: Was denke ich wirklich? Was liegt mir daran am Herzen? Warum schreibe ich diesen Text überhaupt?

Wendigkeit fragt schließlich: Wie könnte ich es noch ganz anders sagen? Gibt es ein Bild, eine Geschichte, einen Vergleich, einen Witz, ein Märchen oder eine Metapher, die meinem Denken eine neue Tür öffnet?

Diese vier Richtungen sind keine Regeln, die du ordentlich nacheinander abarbeiten musst. Sie sind Einladungen. Vielleicht brauchst du an einem Tag nur eine davon. Vielleicht springst du zwischen ihnen hin und her. Vielleicht entdeckst du irgendwann eine fünfte Himmelsrichtung, die auf meinem Kompass noch gar nicht eingezeichnet ist.

Lies einmal wie eine Schreibende

Zum Abschluss möchte ich dich diesmal nicht zum Schreiben, sondern zum Lesen verführen. Nimm Texte, die dir gefallen. Am besten kurze Texte, die du vielleicht sogar schon kennst: einen Artikel, ein paar Seiten aus einem Essay, einen guten Blogpost. Lies diesmal nicht in erster Linie wegen des Inhalts oder der Spannung. Schau dir stattdessen die Struktur des Denkens an.

Welche Fragen stellt sich die Autorin oder der Autor? Wie werden sie beantwortet? Gibt es Beispiele? Werden Behauptungen aufgestellt, und wie werden sie untermauert? Tauchen Szenen und konkrete Situationen auf? Werden Gegenmeinungen ins Spiel gebracht? Wo wird ein Gedanke genauer erklärt, wo durch ein Bild anschaulich gemacht, wo plötzlich eine ganz andere Perspektive geöffnet?

Wenn du Lust hast, nimm Buntstifte und markiere die verschiedenen Bausteine. Vielleicht findest du Stellen, die sich der Gewissenhaftigkeit, dem Kontrast, der Wahrhaftigkeit oder der Wendigkeit zuordnen lassen. Und freu dich besonders über alles, was zu keinem deiner Farbstifte passt. Vielleicht hast du dort gerade eine neue Denk-Himmelsrichtung entdeckt.

Fazit: Mit guten Journaling-Fragen zu neuen Gedanken

Gute Journaling-Fragen sind kein Zufall. Du kannst lernen, sie dir zu stellen: indem du Sackgassen-Fragen erkennst und umformulierst, dir einen kleinen Vorrat an Fragen anlegst, die dich wirklich neugierig machen, und mit dem Schreib-Kompass immer wieder eine neue Richtung ausprobierst. Du musst dafür nicht alles auf einmal umsetzen. Nimm dir für deine nächste Schreibzeit eine einzige Frage vor und gib ihr zehn Minuten. Schreib langsam, bleib bei der Sache und schau, wohin sie dich führt.

Denn darum geht es bei der Gedankenmacherei letztlich: den automatischen Bewusstseinsstrom auf dem Papier manchmal ein wenig zu bremsen und das Lenkrad des Denkens bewusst in eine andere Richtung zu bewegen. Nicht, damit wir am Ende auf alles eine Antwort haben. Sondern damit wir Dinge sehen, die wir vorher nicht gesehen haben, Bekanntes neu miteinander verbinden und uns von unseren eigenen Gedanken überraschen lassen.

Vielleicht ist das eines der schönsten Versprechen des Schreibens: Du musst nicht schon wissen, was du denkst, bevor du zu schreiben beginnst. Manches kannst du überhaupt erst denken, indem du es schreibst.

Wenn du Lust hast, diese Fragen gleich in deinem Tagebuch auszuprobieren: Fünf kreative Techniken dafür findest du auch in meinem Beitrag Tagebucheintrag schreiben.

Noch mehr Wege zu neuen Gedanken

Gute Fragen sind ein wunderbarer Anfang. Wenn du dein Journal noch vielfältiger nutzen möchtest, begleitet dich meine „Dein Leben in Worten” – Ausbildung in Journal-Writing. Darin warten auf dich:

  • über 50 kreative Schreibtechniken für dein Tagebuch
  • Hintergrundwissen zu jeder Technik: warum sie wirkt, wie du sie variierst und was hilft, wenn du feststeckst
  • Video-Anleitungen, die dich Schritt für Schritt begleiten

Schon über 200 Teilnehmer*innen haben damit ihre Kreativität zur vollen Blüte gebracht.

Viel Freude beim Fragen und Schreiben!

Deine Barbara Pachl-Eberhart

Journal Writing Ausbildung
Dein Leben in Worten

Lerne das Tagebuch als kraftvolles Werkzeug für innere Klarheit und Selbstfürsorge zu nutzen. Jetzt Tagebuch-Kompetenz beflügeln!

Barbara Pachl-Eberhart - Schreibtipps

Herzlich Willkommen
auf dem Blog der LieblingsLebensgefühlsManufaktur!

Ich bin Barbara Pachl-Eberhart -Buchautorin, Kolumnistin und Schreibtrainerin. In meinem Blog findest du Tipps und Tricks für dein persönliches Schreiben.

Zur Übersicht

Beitrag teilen:

Das könnte dich auch interessieren

Du möchtest regelmässig von mir lesen?

Meine “LieblingsLebensPost” kommt fast jeden Sonntag.

Sie handelt davon, was ich beim Schreiben über das leben lerne – und im Leben über das Schreiben. Ich erzähle Dir Geschichten aus meinem Leben mit meiner kleinen lustigen Tochter, erkläre Dir Schreibtricks und -techniken, verlocke dich dazu, zum Stift zu greifen und sorge dafür, dass du keinen Termin und kein Abenteuer mit mir versäumst.

Du möchtest selbst schreiben?

Online-Kurse

Du willst jetzt sofort losschreiben?
Das geht natürlich auch, dazu gibt es meine Online-Selbstlern-Kurse. Hier findest Du eine Übersicht über alle Online-Schreibkurse, die ich Dir aktuell anbiete:

Live-Termine

Du hast Lust auf ein Schreibseminar mit mir?

Hier gehts zu den Terminen meiner Live-Veranstaltungen & Vorträge.

Ich freu mich auf dich!