Keine Zeit zum Schreiben?

Wie Du sie findest, ohne sie Dir nehmen zu müssen.

 

Du ahnst, dass Schreiben Dir guttun würde? Du tust es trotzdem nicht – oder viel zu selten? Willkommen im Club der ganz vielen. „Ich habe einfach zu wenig Zeit“ stöhnt es aus Küchen, Büros, Treppenhäusern und allen anderen Räumen, in denen Menschen fleißig sind und an die Dinge denken, die sie gern machen würden, wenn …

In diesem Artikel erkläre ich den Zusammenhang zwischen dem Wert, den Du Deinem Schreiben gibst und der Zeit, die sich dafür auftut. Ich wende mich hier an Schreiber*innen, die schon ab und zu Tagebuch schreiben, es aber gern öfter tun würden.

(Wie Du mit dem Tagebuchschreiben beginnen kannst, wenn Du derzeit nur Mails, SMS und Einkaufslisten schreibst, erzähle ich Dir im nächsten Beitrag.)

 

Lass uns – für jetzt – mit einem kleinen Spiel beginnen.

Hol Dir (ich meine es ernst!) ein Stück Papier und einen Stift. (Anmerkung zwischendurch: Wenn Du erst zehn Minuten suchen musst, bis Du ein Blatt Papier oder einen Kugelschreiber findest, der schreibt, dann liegt das mit dem Zu-wenig-Schreiben vielleicht doch nicht nur an der Zeit. Leg Dir Papier und Stifte an alle möglichen Stellen, Du wirst sehen, das Schreiben passiert dann viel öfter. Man kann Zettel auch ins Tagebuch kleben, manche Menschen haben Tagebücher, in denen überhaupt nur lose Zettel kleben.)

So, kann es losgehen mit dem Spiel? Gut.

Schreib bitte eine kleine Liste mit dem Titel „5 Dinge, die ich mir heute gelungen sind.“ Jetzt.

Hier meine Liste:

  1. Ich habe mir eine herrliche Karotten-Ingwer-Suppe gekocht
  2. Ich habe ein Bild mit meiner Tochter gemalt
  3. Ich habe 27 Mails beantwortet
  4. Ich habe meine Homepage überarbeitet
  5. Ich habe diese Liste geschrieben

Lass mich raten: Du hast auch fünf Dinge gefunden. Ich rate weiter: Mein Punkt fünf kommt bei Dir nicht vor, obwohl Du er inhaltlich auch auf Dich zutrifft.

Vermutlich ist es Dir nicht in den Sinn gekommen, das, was du da geschrieben hast, zu würdigen. Das ist keine Nebensache. Das ist der Kern dessen, was ich Dir heute sagen will: Du schreibst. Du könntest vieles von dem, was Du schreibst, würdigen,  um es für Dich und Dein Schreib-Wohlgefühl zu nutzen. Du würdest dann Lust auf mehr bekommen und das Thema „Ich hab‘ keine Zeit“ wäre bald Geschichte. Weil Schreiben nicht viel Zeit braucht. Und weil sich Zeit magisch dehnt, wenn die Lust das Ruder übernimmt.

Schauen wir uns also an, wie Du das, was Du schreibst, würdigen kannst – so dass Du automatisch Lust auf mehr bekommst.

 

So würdigst Du Deine Tagebuch-Einträge

Wir haben oft so das Gefühl, es ist ja nichts Besonderes, was wir schreiben oder es ist zu wenig, zu unaufregend, es ist zu banal.

In meinen Schreibkursen – vor allem in den biographischen Schreibkursen, wenn Leute meinen, ihre Geschichten seien nicht so toll – frage ich, wie es ihnen ginge, wenn sie zum Beispiel von ihrer Urgroßmutter irgendwo am Dachboden nur einen (einzigen) Zettel finden würden, auf dem eine kleine Geschichte steht. Oder ein Tagebuch-Eintrag.

Wäre das nicht ganz anders – im Vergleich zum Gedenken an einen Menschen, von dem man gar nichts hat, von dem man weder die Handschrift kennt noch überhaupt jemals ein Wort gelesen hat?

 

Ein Satz ist schon sehr viel

In unserer Poesie-Therapieausbildung haben wir immer gehört „Ein Wort ist schon sehr viel.“ Oder auch „Ein Satz ist schon sehr viel.“ Das mag in der Gegenwart nie so scheinen, aber doch, wenn man es aus der Perspektive der Zukunft sieht (denk an dich in zehn Jahren, in zwanzig Jahren, wenn du dieses Geschriebene noch einmal in die Hände bekommen wirst), denk mal, wie es dir da gehen wird. Und danke Dir schon heute für das, was Du tust, nicht nur für jetzt, sondern auch für dich in der Zukunft und vielleicht sogar, wer weiß, für deine Enkel, Urenkel und Ur-ur-Enkel.

 

Wie kannst du würdigen, was du geschrieben hast?

Erstens einmal grundsätzlich: Du kannst es bewusst tun, als Haltung: Was du schreibst, würdigen. Dir dafür danken, dass Du es getan hast, indem Du einen Moment innehältst und spürst: Ich habe etwas geschrieben, was vorher nicht da stand. Ich habe ein kleines Werk geschaffen. Eines, das nicht nur Teil eines größeren Ganzen (Tagebuch) ist, sondern für sich Wert hat. Und sei es nur ein Satz.

(Innehalten und fühlen: Wie geht es mir nach dem Schreiben? Anders als vorher? Welche nächste Schreibidee taucht auf – für morgen, für nächste Woche, für eine Stunde, in der ich mutig bin? Das Innehalten nach dem Schreiben, die „Prozessreflexion“ entscheidet darüber, ob Du bald wieder schreiben wirst oder nicht!)

Zweitens kannst du Dein Geschriebenes würdigen, indem du es später wieder liest. Stell Dir vor, Dein Tagebuch wäre ein Buch, das Du gefunden hast. Ein Tagebuch von einer berühmten Künstlerin, noch unentdeckt, Millionen wert. Was findest Du darin an Schätzen? Was lässt Dich die Größe und Tiefe dieser Person erkennen? Suche nicht nach vielem. Sondern nach ein, zwei Gedanken/Sätzen/Ideen/Ausdrücken, die Dir gefallen würden, wenn sie von jemand anderen wären.

 

Laut lesen

Eine sehr schöne Möglichkeit ist es auch, deine Texte einmal laut zu lesen. Nein, du musst sie nicht jemandem vorlesen. Du kannst sie auch ganz allein zu Hause laut lesen. Lies sie so, wie wenn sie ein echtes Werk wären. Mach eine Ein-Text-Lesung. Langsam. Ganz langsam. Viel langsamer, als Du es normalerweise tun würdest. Satz für Satz, beinahe Wort für Wort. Lass den Ton Deiner Worte in Deinen Körper hinein.

Die Erfahrung zeigt, dass das laute Lesen oft direkter ans Herz geht, dass der Weg durch den Mund, über das Lautwerden, über das Körperschwingen ins Ohr oft diesen inneren kleinen Kritiker, diesen Zensor, der dauernd meckert und wüsste, wie es besser gegangen wäre, zum Schweigen bringt. Und dass ein Text durch das Ohr oft viel direkter unser Herz erreicht.

Wenn Dir das laute Lesen im leeren Raum komisch vorkommt, probiere einmal folgendes: Geh auf online-voice-recorder.com, lies laut und nimm Dich auf. Und höre es Dir dann selber an. Das kann eine sehr schöne Erfahrung sein.

 

Wiedererkennungs-Wert

Um Deine Worte und Gedanken-Schätze nicht im Fluss der Handschrift versinken zu lassen, kannst Du Dir gewisse Texte oder Textstellen, die dir besonders gut gefallen, mit einem bunten Stift markieren – oder Dir eine Packung goldener Sternchen kaufen und Sterne an Stellen kleben, von denen Du sagst: „Das ist ein Text, den möchte ich immer wieder lesen oder da ist was Wesentliches drin, den möchte ich auch wieder finden können in der Fülle meiner Texte.“

So wird Dein Tagebuch nicht nur zur Abladestelle für Gedanken und Gefühle, sondern zu einem vertrauten Freund, der bald „durchgearbeitet“ aussieht und den Du richtig gut kennst. Dann beginnt Dein Schreiben, sich auf sich selbst zu beziehen, es wird zum Dialog-Gespinst, zum Themen-Netz, zur Selbsterkenntnis-Sinfonie.

 

Siehst Du es vor Dir, das abgegriffene, bunt markierte, tief vertraute Tagebuch?

 

Zuletzt möchte ich noch auf einen grundsätzlichen Punkt eingehen, der das Würdigen betrifft: nämlich darauf, Dich als schreibenden Menschen zu würdigen.

Es ist schon traurig, wenn man sich vorstellt, dass Du in einer ganzen Woche vielleicht wirklich keine zehn oder vielleicht nur fünf Minuten Zeit hast, Dich hinzusetzen, um etwas zu schreiben.

Ich glaube, es liegt nicht wirklich an der Menge der Zeit. Verzeih, ich weiß, das klingt jetzt nach doofer Platitüde. Aber halte durch: Ich sage Dir jetzt nicht, dass es an mangelnden Ideen liegt oder doch an Deiner Faulheit oder daran, dass Du nur wirklich wollen musst.

Mein Punkt ist ein anderer: Ich glaube, es liegt oft daran, dass wir versuchen, die Zeit fürs Schreiben dazwischenzuschummeln. So, dass es sie am besten gar nicht gibt. Dass sie nicht auffällt. Also: dass wir sie uns heimlich erschleichen, diese Schreibzeit, und dass wir glauben, es tut sich von selbst ein Fenster dafür auf.

Ich meine, dass Du Dir ganz bewusst Deine zehn oder fünf Minuten Schreibzeit nehmen – oder, um es noch schöner zu sagen: schenken – darfst. Dass Du diesem Zeitraum tatsächlich einen würdigen Platz in Deinem Tag geben könntest. Einen strahlenden Platz, keinen im Schatten.

Das muss auch fixer Platz sein, Du kannst Dir jeden Morgen neu etwas vornehmen: „Heute möchte ich schreiben, um diese oder jene Zeit.“ Und es darf sich schon ein wenig nach Ellenbogentechnik anfühlen, also danach, ein paar andere Dinge zur Seite zu schieben, um einen guten Platz zu schaffen für das Schreiben.

Und, es mag paradox klingen, aber: Manchmal kann es einfacher sein, sich eine halbe Stunde oder Stunde Zeit zu nehmen als fünf Minuten!

 

Also:

Wenn du dazu neigst, nie Zeit zu finden für dein Schreiben, dann nimm dir lieber mal eine Stunde Zeit, bewusst, vielleicht sogar 1 ½ Stunden, um in ein Kaffeehaus zu fahren, um es dir gemütlich zu machen, Kaffee zu bestellen, zu schreiben, vielleicht hinterher noch weiter zu schreiben oder noch ein kleines Kritzelbild zu malen oder in einem inspirierenden Buch zu lesen.

Nimm dir diesen Raum, und versuche, das Schreiben zu einem Teil deiner Regelmäßigkeit werden zu lassen.

Schummle es nicht dazwischen. Mach es nicht kleiner als es ist. Es darf groß sein. Auch wenn das Schreiben selbst dann nur fünf oder zehn Minuten in Anspruch nimmt (ist eher unwahrscheinlich, kommt aber vor). Es wird dir bestimmt genug rundherum einfallen, das dich verdauen, das dich nachsinnen, das dich nacharbeiten lässt, reflektieren oder genießen lässt, dieses Werk, das du erschaffen hast durch Stift und Papier.

 

So weit für heute.

Im nächsten Beitrag erzähle ich Dir noch ein paar Gedanken, wie Du Dein Schreiben abseits des Tagebuchs würdigen kannst – und wie Mails, SMS und Einkaufslisten zum Tagebuch-Inspirationen werden können.

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