Text der Woche

Wo ist das Wunder heute?

(Aus dem Engelmagazin, Heft 4/2021)

Es gibt Momente, da wünsche ich mir, dass man Wunder bestellen könnte. Ich meine, ganz ehrlich: Seit Jahren suche und finde ich sie, die Wunder des Alltags. Sie sind überall, sage ich immer – und glaube daran.

Warum also war es gestern so schwer, liebe Wunder? Wenn Ihr so vieles könnt und so vielseitig seid, warum könnt Ihr nicht einfach mal kommen, wenn man Euch ruft?

Zum Beispiel an einem Tag wie diesem: Ich schleppe mein Kind durch die Fußgängerzone. Es hat gefühlt vierzig Grad, das Kind ist erschöpft, die Trinkflasche leer. Unser Biorhythmus ist am Tiefpunkt. Aber rasten geht nicht: In zwanzig Minuten ist Singgruppe. Wir haben es eilig, laufen zum Bus. Erika klammert ihre Kinderhand, zur Faust geballt, um eine Luftballonstange.

Den Ballon hat sie gerade im Schuhgeschäft geschenkt bekommen – Ballon am Stiel, hübsch türkis. Ein zweiter steckt in der Papiertüte, die ich mithabe. Irgendwie war diese Tüte leicht, als ich zu Hause wegging, da war nur eine Obstbox, die Flasche und die Singmappe drin, aber jetzt hat sich mehr angesammelt: die neuen Sandalen, der Pulli von heute Morgen, der abgelegte Sonnenhut, die Zeichnungen und Basteleien aus dem Kindergarten – und eben der Ballon. Alles sperrig. Und insgesamt schwer.

Schwer ist auch mein Mädchen, das ich mit dem freien Arm zu tragen versuche. Sie kann sich nicht anklammern, trägt ja ihren Ballon. „Schau, ich schenk Dir was“, hat die Verkäuferin gesagt, als mein Kind an der Kassa kurz unruhig wurde. „Oder weißt du was, ich geb Dir gleich zwei.“ Ich hatte versucht, zu protestieren, wenigstens gegen den zweiten, aber da war es schon zu spät.Jetzt trage ihn also ich. Und meine Tochter den anderen.

Der Bus fährt ein. Wir sind noch fünfzig Meter entfernt, ich beginne zu rennen. „Wir schaffen das“, keuche ich, zweckoptimistisch. Da plötzlich: ein heulender Schrei. „Mamaaa! Mein Luftballon!!“ Ich will es nicht wissen, nicht hören. Und doch bleibe ich stehen. Sehe den türkisen Ball, der sich von der Stange gelöst hat und nun über die Pflastersteine des Stephansplatzes tanzt., als hätte er Spaß. Er wirbelt durch Beine und Gastgartentische. Kurz verliere ich ihn aus dem Blick, ehe er wieder auftaucht. Touristen, überall.

Mein Kind weint laut schluchzend. „Keine Sorge, mein Schatz, wir kriegen den wieder“, flüstere ich. Wende mich ab vom abfahrenden Bus. Und bahne mir einen Weg durch die Menge. Der zweite Ballon, der in orange, fällt mir dabei zwei Mal aus der Tüte. Immerhin bleibt er am Stiel und weht nicht davon.

Nach vier Minuten, die mir vorkommen wie eine Ewigkeit, haben wir den türkisen Ballon wieder. Zum Bus sind es jetzt zweihundert Meter. „Trag mich“, schnieft meine Tochter. Ich hebe sie hoch.

Als der nächste Bus kommt, bin ich ein einziger Schweißfluss. Ich plumpse in den Sitz. Zur Musikgruppe kommen wir pünktlich, gerade noch. „Ich geh heut nicht rein“, sagt mein Kind. Auch sie ist erschöpft, hundemüde. Ich versuche zaghaft, sie zum Bleiben zu überreden, aber es hat keinen Sinn. Sie läuft einfach davon.

Und was jetzt? Eigentlich wollten wir Eis essen gehen, mit der Taufpatin, gleich nach der Musikstunde. Alles war toll geplant, inklusive meines Gurgeltests, dessen Ergebnis zu Mittag da sein sollte, denn ich habe die Box pünktlich abgegeben. Ich schaue aufs Handy, noch kein Ergebnis da. Gut, es ist ja noch eine Stunde Zeit.

Eine Stunde ohne Musik, die ich jetzt irgendwie überbrücken muss. Supermarkt, Wasser kaufen. Und Marillen. Mmmh. Beziehungsweise: Bäh. Zu sauer. Das Sackerl kommt in die Tüte, ebenso wie die Wasserflasche. Die Straßenbahn kommt. Der Henkel der Tüte, die ich hochhebe, reißt. „Trag mich“, sagt mein Kind.

Irgendwie kommen wir zum Eisgeschäft. Dort warten wir zwanzig Minuten, in denen ich vierzig Mal auf mein Handy schaue. Kein Test-Ergebnis. Heute kein Eis für mich.

Taufpatin übernimmt Kind, ich schleppe mich nach Hause, nutze die Stunde Pause, um ins Bett zu fallen. Als ich wegdämmere, frage ich mich, wo mich das Wunder, das ich wollte, am besten abgeholt hätte. Vielleicht schon vor dem Weg zum Schuhgeschäft, in Form eines Platzregens? Oder am Ausgang des Ladens – ein Ballon platzt, alles ist leichter?

Ein Brunnen wäre auch ganz gut gewesen, gegen den Durst. Ein pünktlicher Corona-Test. Eine Tüte, die hält. Ein aufmerksamer Tourist, der den Ballon gefangen und uns übergeben hätte. Oder ein Bus, der genau dann kommt, wenn wir warten?

Schon fast im Traum angekommen, meine ich, das Wunder flüstern zu hören: „Siehst Du, wie oft ich eh bei Dir bin?“, raunt es mir zu. Ich flüstere „ja“.  Bemerke, dass – trotz allem – heute auch Gutes geschehen ist. Die Taufpatin war da. Der nächste Bus kam. Ein Sitz war frei. Der Supermarkt hatte offen. Die Tüte war nicht am Boden gerissen. Die Marillen werden übermorgen reif sein und schmecken. Und mein Kind bekommt gerade ein herrliches Eis.

„Whuup“. Mein Handy piept, vergessen, es abzudrehen. Oh, das Test-Ergebnis ist da. Immerhin: negativ.

Ich schlafe schon fast. Schalte das Handy auf lautlos. Und stelle, ehe ich mich endgültig allen lasse, etwas Wichtiges fest: Das Wunder des Tages, das größte aller Wunder, ist ganz nah bei mir. Denn ich finde, das große, erstaunliche, unübersehbare Wunder, war ausnahmsweise einmal: ich selbst.

„Stimmt“, sagt mein Wunder. Klopft mir auf die Schulter. Und begleitet mich saft in den erholsamen Schlaf.

 

33 dieser Wunderkolumnen gibt es in Buchform: „Wunder waren gleich ums Eck„, Heyne Verlag
Guter Geist in Tagebuch

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