Eine Weihnachtsgeschichte

Die verspätete Weihnacht

Eine Geschichte von Barbara Pachl-Eberhart

„Nein. Nein, das gibt es doch nicht!“, rief die Weihnacht erschreckt. Ihr Herz hatte vor zwei Sekunden zu rasen begonnen, machte keine Anstalten, den Sprint zu beenden. Die Füße der Weihnacht sprangen schnell aus dem Bett, ihre Hände griffen zum Vorhang, zogen ihn auf – tatsächlich, es war kein Irrtum: Der Stand der Sonne passte zu dem, was die Armbanduhr zeigte. Es war Morgen. Sonnenaufgang. Es war …

Zu spät. Zu spät! Wie konnte das nur passieren? Die Weihnacht hörte ihr Herz, das jetzt Schlagzeug spielte. Bisher hatte es immer eine Antwort gewusst. Aber jetzt sprach es nicht.

Rekapitulation. Die Weihnacht hatte den Tag wie immer verbracht. Gut gefrühstückt, den Schlitten geölt, die Kleider aus dem Schrank geholt und gebügelt, ein paar Anrufe gemacht. Dann wie gewohnt meditiert, dem Anlass entsprechend extralang und mit extra viel Metta. Am frühen Nachmittag war Onkel Klaus vorbeigekommen, um sich kurz zu besprechen, und Jessi hatte sich bei ihr sein Leuchten geholt. Alles ganz normal, wie jedes Jahr. Und dann?

Die Weihnacht wusste nur noch, dass sie auf dem Weg ins Bad war, um sich zu schminken. Sie erinnerte sich dunkel, dass sie sich müde gefühlt hatte. Die Schlafzimmertür geöffnet, sich kurz aufs Bett gelegt, um ein wenig zu rasten. Natürlich nicht, um zu schlafen. Nur ganz kurz die Augen zumachen, nur eine Minute.

„Wieso? Bitte, wieso?!“, jammerte die Weihnacht, während sie hektisch auf und ab ging, ganz und gar ohne Plan, was sie tun sollte. Sie versuchte, ihren Beinen zu sagen, dass Eile jetzt gar keinen Sinn mehr hatte. Aber die hörten nicht zu. Einmal durchs Zimmer, Drehung, den Weg zurück, Drehung, wieder durchs Zimmer. Als die Weihnacht zum siebenten Mal am Wandkalender vorbeikam, riss sie das Blatt von gestern herunter. Unwillkürlich streichelten ihre Finger die Zahl, diese Zahl, die das ganzen Jahr, ja: ihr ganzes Dasein mit Sinn erfüllte. Der 24.12. Er war vorbei. Die Weihnacht hatte sich selbst verschlafen. Und die Welt? Hatte keine Weihnacht erlebt.

Wie nennt man diesen Morgen, wenn er nicht Weihnachtsmorgen heißt? Christtag, passt das? Ja, daran ist nichts falsch. Aber wie fühlt sich ein Christtag an, wenn ab Abend zuvor keine Bäume erstrahlt sind, keine Lieder gesungen wurden, kein Glöckchen geläutet und niemand etwas ausgepackt hat? Wie fühlt er sich an, wenn Besuche ausblieben, wenn die Gans nicht gar wurde, wenn die Kerzen kalt und die Seelen im „Bald“ steckengeblieben waren? Wie haben die Menschen den gestrigen Abend verbracht? Was passiert, wenn Weihnachten ausbleibt?, fragte sich die Weihnacht und wusste: sie musste es wissen. Sie musste dem ins Auge schauen, was sie angerichtet hatte.

Langsam, zaghaft öffnete sie das Fenster. Sie stieg auf das Fensterbrett, breitete sich aus und flog los. Es war still auf den Straßen, noch stiller als an den Weihnachtsmorgen der vergangenen Jahre. Alles schien noch zu schlafen. Die Weihnacht flog über Dächer und Straßen, als die Autobahn kam, sauste sie schneller, sie las Abfahrtsschilder und zweigte irgendwo ab, bei einer Abfahrt mit K, sie war in Gedanken gewesen und hatte nicht genau hingeschaut. K war ein recht kleiner Ort, ein Straßendorf mit einigen Höfen und einem Dorfplatz. Als die Weihnacht zur Landung ansetzte, läutete die Glocke am Kirchturm. Acht Uhr fünfzehn. Gerade begann es zu schneien.

Hauptstraße neun. Wer wohl da drinnen wohnte? Die Weihnacht setzte sich auf die Türschwelle, legte ihr Ohr an die Tür und lauschte ganz leise. Sie hörte kein Geräusch, oder doch, das Ticken einer Uhr. Ihr Herz ging mit diesem Tick-Tack auf die Reise und lauschte weiter, tiefer. In die Frage hinein: Was war da gestern, als die Weihnacht ausfiel?

„Hallo, wer bist du?“, fragte da eine Stimme. Etwas Feuchtes, Kühles berührte die Wade der Weihnacht. Sie räusperte sich, fühlte sich ertappt, setzte zu einer Entschuldigung an, aber der kleine Bub mit dem Hund an der Leine schaute so freundlich und offen, dass die Weihnacht nur sagte: „Setzt du dich zu mir?“

Seite an Seite, Mantel an Mantel, so saßen die beiden und hauchten Wölkchen ins Kalte der Luft. Wer würde zu sprechen beginnen?

„Komisch, dass du da sitzt. Sonst kommt nie jemand Fremder in unser Dorf, schon gar nicht zu den Feiertagen. Da bleiben doch alle zu Hause. Aber gut, gestern war ja einiges anders.“
„Ach so?“, fragte die Weihnacht unschuldig.
„Ja“, sagte der Bub, „gestern war Weihnachten, aber es war einfach nicht.“
Im Bauch der Weinnacht stieg Übelkeit auf. Ihr Blick ging zu Boden, suchte das Weite im Himmel, in der Ferne, aber er fand nirgends Halt. Erst als er die Wange des Buben erreichte, kam er zur Ruhe. „Wie meinst du das?“, fragte die Weihnacht.

„Ich weiß auch nicht. Es war überall anders. Bei uns waren es die Kerzen, die müssen nass geworden sein, jedenfalls hat nichts gebrannt. Der Vater hat gefunden, ohne Kerzen geht gar nichts, das ist keine Bescherung, der Mutter sind die Schnitzel angebrannt, während der Vater Kerzen gesucht hat, und am Ende sind wir alle ins Wirtshaus gegangen. Bei den Nachbarn hätten die Kerzen schon gebrannt, aber der Besuch ist nicht gekommen. Die ganze Familie, offenbar ist ihr Auto hängengeblieben und man hat es abschleppen müssen. Am Weg zum Wirtshaus haben wir sie jammern gehört und kurz mit ihnen geredet.

Gleich im Haus nebenan ist die Milli am Fenster gestanden. Im Pyjama. Um sieben! Wie ich sie gefragt hab, was los ist, hat sie gesagt, dass der Baum umgefallen ist. Ihre Katze war schuld, die wollte drauf klettern. Da waren überall Scherben, keine Kugel war mehr ganz. Arme Milli. Im Haus neben dem Wirtshaus, da war es noch einmal anders. Die sind heiser gewesen, alle fünf. Gerade die Hofers, die singen doch immer fünfstimmig, ohne das gibt es für sie keine Weihnacht, sagen sie immer. Und der Wirt, der hat aufgesperrt, satt zu feiern, weil vor uns die Saubruggs gekommen sind und die Feidls und ein paar andere auch vom hinteren Dorf. Alle haben irgendeine Geschichte erzählt, warum es bei ihnen nix war mit der Weihnacht. Der Wirt hat das Gulasch warm gemacht, das er eigentlich für Silvester aufheben wollte.“

„Das klingt traurig“, sagte die Weihnacht. Es klang wie eine Frage.“
„Naja, irgendwie schon. Die Milli tut mir leid, die hat ins Bett müssen, statt ins Wirtshaus zu gehen. Aber sonst war es, wie soll ich sagen? Es war ja fast lustig. Bis Mitternacht waren wir im Wirtshaus. Ständig ist noch wer hereingekommen mit einer Geschichte. Viele waren erst grantig, aber wie sie uns alle gesehen haben, sind sie aufgetaut. Die Erwachsenen haben sich sogar manchmal umarmt. Ich bin irgendwann am Schoß von der Mama eingeschlafen. Am Heimweg, da hat mich der Papa getragen. Und ich hab gehört, wie er mit der Mama über die Versöhnung geredet hat, vom Paulinger Karl und dem Hans Scheiblhofer. Das ist fast schon ein Wunder, hat der Papa gesagt. Weißt du, die zwei haben schon sein ein paar Jahren nicht mehr miteinander geredet.“

Die Weihnacht kraulte und kraulte. Der Hund des Buben lag auf ihrem Schoß und schnarchte gemütlich. Wenn du denken musst, kraul einen Hund, hatte die Oma der Weihnacht immer gesagt. Jetzt gerade klappte des nicht, denn die Weihnacht wusste nicht mehr, was sie denken sollte. Was der Bub da erzählte, klang so durch und durch nach misslungener Weihnacht. Aber dann … auch wieder nicht.

„Glaubst du, dass ihr heute nachfeiert?“, fragte die Weihnacht.
„Ich hoff schon, dass die Milli heute ihre Geschenke kriegt. Meine krieg ich am Nachmittag, hat die Mama gesagt. Aber ohne Kerzen, weil den Streit um die Kerzen findet sie blöd. Ich glaub nicht, dass wir heute so tun können, als wäre es gestern. Das ist halt vorbei.“
„Vorbei“, murmelte die Weihnacht und grub ihre Nase in ihren Schal. Dann fragte sie: „Macht dich das traurig?“

Die Hand des Buben kraulte jetzt auch. Da, im Fell, berührten sich die Finger der beiden. Der Bub sah auf, als hätte er plötzlich etwas begriffen. Sein Blick traf die Weihnacht und blieb, wo er war. Irgendwo war ein Schimmern, ein Glanz. Waren es Tränen? Oder schmolz Schnee auf den Wimpern?

„Weihnachten ist jedes Jahr. Aber das gestern, das war so noch nie. Es war … mehr Weihnachten als sonst, versteht du, was ich meine?“
Die Weihnacht nickte. Und da, plötzlich, erinnerte sie sich an ihren Traum von heute Nacht. Da waren sich Menschen in den Armen gelegen. In Gruppen, die größer waren als Familien. Gruppen, die nicht in Wohnzimmern saßen, sondern in größeren Räumen. Im Traum war kein Baum vorgekommen. Kein Lied wurde gesungen, keine Kerze hatte gebrannt. Aber trotzdem war da Licht. Und Musik. Und das Wort „Danke“, auch ganz ohne Päckchen.

„Ja, ich verstehe“, sagte die Weihnacht. „Ich weiß, was du meinst. Ich war nämlich da.“
Behutsam hob sie den Hund, um ihn auf den Boden zu setzen. Er streckte sich, gähnte und rieb sein Ohr an ihrem Bein.
„Musst du gehen?“, fragte der Bub.
„Ja, es wird Zeit. Ich bin müde, obwohl ich die ganze Nacht geschlafen habe. Alte Gewohnheit“, lachte die Weihnacht.

Dann stieg sie nach oben.
Der Bub schaute ihr nach, als würde er etwas ganz Normales sehen. Er winkte, nickte dabei. Dann nahm er seinen Hund an die Leine und ging nach Hause. Ohne es zu merken, begann er zu pfeifen. Stille Nacht, heilige …

 

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